Stammzellspende bei der DKMS – ein Erfahrungsbericht, über ein Jahrzehnt später
Wie ein Anruf an einem völlig falschen Morgen, vier Stunden im Krankenhausbett und eine Spritze in den Bauch zu einer der nachhaltigsten Entscheidungen meines Lebens wurden.
Es gibt Entscheidungen, die im Moment ihres Treffens unspektakulär wirken – und erst Jahre später ihr ganzes Gewicht entfalten. Bei mir gehört die Stammzellspende über die DKMS eindeutig dazu. Die Spende selbst liegt inzwischen weit über ein Jahrzehnt zurück, und trotzdem ist sie eines der wenigen Erlebnisse, das im Rückblick eher größer als kleiner wird. Vielleicht, weil sich heute, mit etwas Abstand, viel klarer zeigt, was damals tatsächlich passiert ist. Da mir das Thema immer mal wieder durch den Kopf geht und ich nach wie vor von der Idee überzeugt bin, möchte ich dich hier noch einmal an dieser wertvollen Erfahrung teilhaben lassen.
Wie ein Anruf an einem neuen Arbeitstag alles veränderte
Mein erster Arbeitstag bei einem neuen Arbeitgeber. Ich stehe im Foyer, warte auf den Teamleiter, der mich abholen soll. In dem Moment klingelt mein Handy: die DKMS. Ich komme als möglicher Spender für einen Patienten in Frage.
Es ist einer dieser Momente, in denen sich für ein paar Sekunden die Prioritäten verschieben. Ein neuer Job, die ganze nervöse Aufregung des ersten Tages – und plötzlich ist da am Telefon eine Frage, die deutlich größer ist als die Frage, wie der Drucker im Büro funktioniert.
Mein neuer Arbeitgeber hat damals erstaunlich gelassen reagiert. Freistellung für die Voruntersuchungen und die Spende, ohne Urlaub zu nehmen. Dafür bin ich bis heute dankbar – nicht jeder Spender hat dieses Glück, und genau das ist einer der unsichtbaren Faktoren, die mitentscheiden, ob jemand am Ende wirklich spenden kann.
Was Blutkrebs eigentlich bedeutet – und warum es so dringend Spender braucht
Bevor ich auf den eigentlichen Ablauf komme, lohnt der Blick auf das, was hinter dem Wort „Blutkrebs“ steht. Leukämien sind Erkrankungen des blutbildenden Systems, das tief im Knochenmark sitzt. Der Körper produziert dort dann zunehmend funktionsuntüchtige weiße Blutzellen, die das gesunde System verdrängen. Was zunächst nach einem rein technischen Vorgang klingt, hat eine drastische Konsequenz: Der Körper verliert die Fähigkeit, sich gegen Infektionen zu wehren, Sauerstoff zu transportieren und Blutungen zu stillen.
Für viele Betroffene ist eine Stammzelltransplantation die letzte verbleibende Option. Die DKMS gibt an, dass in Deutschland inzwischen alle zwölf Minuten ein Mensch die Diagnose Blutkrebs erhält – ein Wert, der spürbar dichter geworden ist als noch vor einem Jahrzehnt. Wer das einmal bewusst nachgerechnet hat, schaut anders auf den Begriff „seltene Erkrankung“. Selten ist daran vor allem das passende Match.
Die Suche nach dem genetischen Zwilling
Damit ein erkrankter Mensch überhaupt eine Stammzelltransplantation bekommen kann, braucht es einen Spender mit nahezu identischen genetischen Gewebemerkmalen. Nur dann nimmt der Körper die fremden Zellen an. Bildlich gesprochen geht es um eine Art genetischen Zwilling – jemanden irgendwo auf der Welt, dessen Merkmale exakt auf den eigenen Bauplan passen.
Genau deshalb gibt es die DKMS. Sie führt die größte deutsche Datei potenzieller Spenderinnen und Spender und gleicht Suchanfragen mit registrierten Profilen ab. Laut DKMS sind inzwischen mehr als 7,8 Millionen Menschen allein in Deutschland registriert, weltweit über 12,5 Millionen. Klingt nach viel – ist aber, gemessen an der genetischen Vielfalt, immer noch erstaunlich wenig.
Das zeigt sich an einer ernüchternden Zahl: Rund jeder zehnte Patient in Deutschland findet trotz dieser Datenbasis kein passendes Match. Genau dieser Anteil ist auch der Grund, warum jede einzelne Registrierung tatsächlich einen Unterschied machen kann – ganz unabhängig davon, ob es später zu einer Spende kommt oder nicht.
Vom Wattestäbchen zum echten Spendentermin
Die eigentliche Registrierung war damals fast schon banal: Set bestellen, Wangenabstrich, Einwilligung unterschreiben, zurück in den Briefumschlag. Fünf Minuten Arbeit, danach hatte ich das Thema ehrlich gesagt schnell wieder vergessen – bis zu jenem Anruf im Foyer.
Voruntersuchungen beim Hausarzt
Bevor die DKMS überhaupt grünes Licht für eine Spende gibt, geht es zum Hausarzt. Erst werden Blutwerte abgenommen, die Ergebnisse gehen an die DKMS, und nur wenn dort alles passt, folgt der nächste Schritt. Eine Phase, die sich aus der Distanz eher unauffällig anfühlt – im Inneren bleibt aber natürlich die Frage: Werde ich wirklich gebraucht?
Großer Check-up in der Klinik
In meinem Fall ging es im zweiten Schritt nach Berlin in die Charité. Dort wird man von Kopf bis Fuß durchgecheckt: Ultraschall, EKG, ausführliches Ärztegespräch, mehrere Blutproben. Mit anderen Worten: eine vollwertige medizinische Bestandsaufnahme, wie man sie sich freiwillig selten gönnt. Im Rückblick war das fast schon ein Nebeneffekt, der für sich genommen wertvoll war.
An genau diesem Punkt entscheidet sich auch das Verfahren. Heute wird die Spende in den meisten Fällen über das Blut gewonnen – die DKMS spricht von einem Anteil von rund 90 Prozent peripherer Stammzellentnahmen. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Stand vor einigen Jahren. Die zweite Variante, die Entnahme aus dem Beckenkamm unter Vollnarkose, ist also längst die Ausnahme. Trotzdem hält sich hartnäckig der Mythos, eine Stammzellspende habe etwas mit dem Rückenmark zu tun. Es lohnt sich, das immer wieder klarzustellen: Knochenmark und Rückenmark sind anatomisch zwei völlig getrennte Baustellen.
Die Tage vor der Spende – wenn der Körper sich vorbereitet
Der körperlich anstrengendste Teil kam für mich überraschenderweise nicht am Spendentag selbst, sondern in den Tagen davor. Damit genügend Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut ausgeschwemmt werden, spritzt man sich ein bestimmtes Präparat über mehrere Tage in eine Bauchhautfalte. Die Nadel ist klein, das Setzen schnell erledigt – wer das nicht selbst möchte, kann auch einen Pflegedienst beauftragen.
Was ich allerdings deutlich gespürt habe, waren die Nebenwirkungen. Nach zwei, drei Tagen fühlte sich mein gesamter Körper an wie nach einer extremen Trainingseinheit: Gliederschmerzen, Muskelkater, eine durchgehende Erschöpfung. Nicht alle Spender erleben das so stark; bei mir war es ausgeprägt. Es war unangenehm – aber an keinem Punkt so unangenehm, dass ich die Entscheidung hinterfragt hätte. Dafür war zu klar, dass am anderen Ende der Geschichte jemand auf genau diese Zellen wartet. Die Chemotherapie des Empfängers läuft zu diesem Zeitpunkt bereits parallel. Ein Rückzieher kurz vor der Spende wäre für die wartende Person nicht weniger als ein Todesurteil.
Vier Stunden, die im Rückblick wenig dramatisch wirken
Wer den Ablauf einer Stammzellspende lieber einmal visuell überblicken möchte, bevor ich auf meine eigenen Erfahrungen komme: Die DKMS hat dazu einen guten, aktuellen Erklärfilm veröffentlicht.
Am Vorabend der Spende ging es noch einmal nach Berlin. Am nächsten Morgen, gegen acht Uhr, lag ich in einem Bett der Stem Cell Facility der Charité, in beiden Armbeugen eine Kanüle (bzw. eine Braunüle, wie mir dort von den Mitarbeitenden erklärt wurde). Das Prinzip ist erstaunlich nüchtern: Blut wird auf der einen Seite entnommen, läuft durch eine Zentrifuge, die die benötigten Stammzellen herausfiltert, und fließt auf der anderen Seite zurück in den Körper. Vier Stunden insgesamt. Smartphone auf langem Arm, Kopfhörer, dazwischen ein paar Kekse aus der Hand der wirklich freundlichen Pflegekräfte, weil man sich mit zwei fixierten Armen schlecht selbst versorgen kann.
Das Ergebnis dieser vier Stunden war am Ende ein Beutel mit ein paar Hundert Millilitern Flüssigkeit. Visuell unspektakulär. Inhaltlich ein potenzielles zweites Leben für einen wildfremden Menschen.
Nach der Spende habe ich den Rest des Tages im Hotelbett verbracht – die Knie waren wackelig, mehr ging realistisch nicht. Schon am nächsten Morgen konnte ich zurückreisen. Spätfolgen: keine. Bis heute nicht.
Was mich rückblickend an dem Tag am meisten beeindruckt hat, war die Haltung des Teams in der Klinik. Es gibt eine Form von Hingabe, die man Menschen sofort anmerkt, wenn man sie selbst erlebt. Dieses dankbare Lächeln nach der Spende, das ist eines der Bilder, die geblieben sind.
Was nach der Spende blieb
Die DKMS begleitet einen nach der Spende erstaunlich engmaschig. Anrufe, Briefe, eine erneute Untersuchung beim Hausarzt mit Blutbild. Es geht nicht nur darum, ob die Spende beim Empfänger gewirkt hat – es geht auch darum, wie es einem selbst geht. Diese Form der Nachsorge fühlt sich heute, viele Jahre später, immer noch wertschätzend an.
Über meinen Empfänger (oder meine Empfängerin?) durfte ich anfangs nur wenig erfahren: dass die Behandlung angeschlagen habe, dass es bergauf gehe, dass die Person inzwischen wieder zuhause sei. Später kam die Information, dass sich der Zustand weiter stabilisiert habe. Mehr braucht es manchmal gar nicht. Und mehr habe ich dann auch eine Weile nicht erfahren.
Vielleicht ist das überhaupt das Bemerkenswerteste an einer Stammzellspende: Man rettet nicht automatisch ein Leben. Medizin ist deutlich komplizierter als die Heldengeschichten, die manchmal um das Thema gestrickt werden. Aber man gibt einem Menschen eine reale, konkrete Chance. Und das ist näher an dem, was Hilfe eigentlich bedeutet, als vieles andere, was wir im Alltag tun.
Das Beste kam dann ein paar Jahre später
Sicher möchtest du nun auch wissen, wie die Geschichte ausging.
Einige Jahre nach der Spende haben wir uns dann tatsächlich kennengelernt. Die DKMS vermittelt einen solchen Kontakt nur, wenn beide Seiten ihn ausdrücklich wünschen – und nach Ablauf bestimmter Fristen. Und wenn sicher ist, dass es der Person wirklich wieder gut geht.

Bis heute schreiben wir uns gelegentlich. Sie (also doch eine Empfängerin!) führt ein gutes, erfülltes Leben, ist bis heute gesund, und sie schreibt mir immer wieder, dass sie nach wie vor dankbar ist. Es ist eine Form von Rückmeldung, die im Alltag sonst kaum vorkommt. Man begreift dadurch erst richtig, dass dieser eine Tag im Krankenhaus tatsächlich der Anfang einer zweiten Geschichte war – und dass diese Geschichte gut ausgegangen ist.
Warum ich diesen Schritt jederzeit wieder gehen würde
Wenn ich heute zurückblicke, war die Stammzellspende mit hoher Wahrscheinlichkeit die sinnvollste Entscheidung, an der ich je beteiligt war. Nicht, weil sie bequem gewesen wäre. Nicht, weil ich persönlich etwas davon gehabt hätte. Sondern weil das Verhältnis zwischen eigenem Aufwand und möglicher Wirkung so absurd günstig ist.
Ein paar Termine. Ein paar unangenehme Tage. Ein Beutel mit Flüssigkeit. Und im besten Fall ein zweites Leben für jemanden, den man möglicherweise nie kennenlernen wird.
Dass diese Sicht offenbar nicht nur meine ist, zeigt eine Befragung der DKMS unter ihren bisherigen Spenderinnen und Spendern: Über 97 Prozent von ihnen würden den Schritt jederzeit erneut gehen. Eine Zustimmungsrate, wie man sie aus kaum einem anderen Lebensbereich kennt. Das sagt etwas darüber aus, was diese Erfahrung mit Menschen macht – nicht nur mit den Empfängern, sondern auch mit den Spendern selbst.
Gerade in einer Zeit, in der so viele Diskussionen laut, aufgeregt und kurzlebig geworden sind, denke ich manchmal: Vielleicht sind es genau diese stillen Entscheidungen, die wirklich etwas verändern.
Selbst Spender werden – einfacher, als die meisten denken
Die DKMS wirbt seit Jahren mit demselben Dreiklang: Mund auf. Stäbchen rein. Spender sein. Daran hat sich nichts geändert, und das ist auch gut so. Wer sich registrieren möchte, kann das jederzeit online tun: Set bestellen, Wangenabstrich machen, Einwilligung unterschreiben, zurückschicken. Mehr ist es nicht.

Registrieren kann sich grundsätzlich jede gesunde Person zwischen 17 und 55 Jahren mit Wohnsitz in Deutschland. Wer chronisch erkrankt ist oder regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte vorab kurz mit der DKMS Rücksprache halten – Ausschlusskriterien sind weniger streng, als viele vermuten.
Eines noch: Statistisch betrachtet werden die meisten Registrierten nie tatsächlich kontaktiert. Das ist kein Grund, sich nicht eintragen zu lassen, sondern eher das Gegenteil. Jeder zusätzliche Eintrag erhöht die Chance, dass irgendwo auf der Welt ein passendes Match gefunden wird. Und manchmal reicht eben genau ein einziger Mensch.
Quellen & weiterführende Informationen
- DKMS Media Center (2026): 68 Prozent der Stammzellspenden – Junges Spenderalter rettet Leben. Online unter: mediacenter.dkms.de
- DKMS (2026): Weltkrebstag – Gemeinsam einzigartig. Online unter: dkms.de/weltkrebstag-2026
- Deutsches Ärzteblatt (2025): Demografie belastet Deutsche Knochenmarkspenderdatei. Online unter: aerzteblatt.de
- DKMS: Stammzellspende & Registrierung (FAQ und Verfahrensinformationen). Online unter: dkms.de








