Alle fünf Kandidaten für den Vogel des Jahres 2027 nebeneinander

Vogel des Jahres 2027: Diese fünf Kandidaten stehen zur Wahl

Es ist einer dieser klaren Oktobertage, an denen man das Trompeten hört, bevor man die Vögel sieht. Irgendwo hoch über dem Feld schiebt sich eine Keilformation nach Südwesten, und für einen Moment schaut die halbe Bushaltestelle nach oben. Kraniche. Für viele Menschen gehört dieses Geräusch fest zum Herbst.

Einer dieser Vögel könnte bald einen Titel tragen. Seit dem 8. September läuft die Wahl zum Vogel des Jahres 2027, und die fünf Kandidaten könnten kaum unterschiedlicher sein: ein hochintelligenter Rabe mit schlechtem Ruf, der spektakuläre Kranich, eine Schwalbe direkt über der Haustür, ein kleiner Langstreckenzieher und ein Singvogel, der unter Wasser spazieren geht.

So verschieden sie sind – eines haben sie gemeinsam. Hinter jedem steht ein größeres Thema: ein Lebensraum, ein Konflikt, ein Stück Naturschutz, das gerade Aufmerksamkeit braucht. Wer hier abstimmt, wählt weniger einen Lieblingsvogel als eine Baustelle, die einem am Herzen liegt.

Wie funktioniert die Wahl zum Vogel des Jahres 2027?

Ausgerufen wird der Jahresvogel vom NABU und seinem bayerischen Partner, dem Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV). Beide küren den Titel seit 1971 gemeinsam. Neu ist das öffentliche Verfahren allerdings nicht: Seit 2021 entscheidet nicht mehr eine Jury, sondern die Öffentlichkeit. Fachleute von NABU und LBV wählen vorab fünf Arten nach Naturschutzkriterien aus – abstimmen darf danach jede und jeder.

Die Wahl läuft noch bis zum 15. Oktober 2026, 11 Uhr. Abgestimmt wird online, jede Person hat eine Stimme, und diese wird über einen Bestätigungslink per E-Mail verifiziert. Das Ergebnis steht noch am selben Tag fest. Der Gewinner übernimmt den Titel dann ab Januar 2027 und löst das Rebhuhn ab, das gerade als Vogel des Jahres 2026 amtiert.

Abstimmen kannst du direkt hier: vogeldesjahres.de.

Die fünf Kandidaten für den Vogel des Jahres 2027

Fünf Arten, fünf sehr eigene Geschichten. Hier stellen wir sie der Reihe nach vor – mit dem, was sie auszeichnet, und dem Grund, warum sie überhaupt auf dem Wahlzettel stehen.

Kolkrabe: Schwarze Federn, helles Köpfchen

Der Kolkrabe ist der größte Singvogel der Welt, und er ist klug. Rabenvögel lösen Aufgaben, die man ihnen lange nicht zugetraut hat, erkennen sich gegenseitig wieder und leben oft über Jahre in fester Paarbindung. Wer einmal beobachtet hat, wie zwei Kolkraben im Flug übereinander rollen, versteht, warum sie so viele Mythen ausgelöst haben – Götterbote, Unglücksrabe, Vermittler zwischen den Welten.

Genau dieser kulturelle Ballast ist auch sein Problem. Über Jahrhunderte wurde der Kolkrabe verfolgt und in weiten Teilen Deutschlands ausgerottet. Dass er heute wieder da ist, gilt als Erfolg des Artenschutzes. Trotzdem stirbt er bis heute an illegalen Abschüssen und Vergiftungen – nicht, weil er selten wäre, sondern weil das alte Vorurteil zäh ist. Sein Fall steht deshalb für eine unbequeme Frage: Wie gehen wir mit Arten um, die wir einmal bekämpft haben und die nun zurückkommen?

Kolkrabe (Corvus corax)
Der Kolkrabe ist der größte Singvogel der Welt. Foto: Leander Khil / NABU

Kranich: Wenn Naturschutz nasse Füße bekommt

Beim Kranich stimmt fast alles, was ein Publikumsliebling braucht. Er ist groß, er tanzt im Frühjahr mit ausgebreiteten Flügeln, und er zieht in diesen berühmten Keilen über halb Europa. Das Trompeten, das man schon von Weitem hört, hat vielen von uns den Vogel überhaupt erst nahegebracht. (Falls du die Rufe im Zug einmal sicher zuordnen willst: Eine Vogelstimmen-App hilft beim Bestimmen – Kranichrufe sind ein guter Anfang.)

Hinter der Show steckt ein handfestes Anliegen. Der Kranich brütet und rastet in Feuchtgebieten, er braucht Moore, nasse Wiesen, störungsarme Flächen. Und hier wird es interessant: Intakte Moore sind nicht nur Kinderstube für Kraniche, sondern auch riesige Kohlenstoffspeicher. Ein entwässertes Moor gibt über Jahre hinweg das gebundene CO₂ wieder ab; ein wiedervernässtes hält es fest. Der Schutz des Kranichs und der Schutz des Klimas laufen also, ohne dass man es planen müsste, am selben Ort zusammen. Sein Slogan trifft es trocken: „Allzeit nasse Füße!“

„Wer den Kranich schützt, schützt das Moor – und wer das Moor schützt, schützt mehr als nur einen Vogel.“

Kranich (Grus grus)
Der Kranich braucht wasserreiche, störungsarme Brut- und Rastgebiete. Foto: BIA/Mario Suarez Porras / NABU

Mehlschwalbe: Eine Nachbarin, die es immer schwerer hat

Von allen fünf Kandidaten ist die Mehlschwalbe die, der du am ehesten schon begegnet bist, ohne es zu merken. Sie baut ihre geschlossenen Lehmnester außen an Häusern, unter Dachvorsprüngen und an Fassaden. Wenn im Sommer kleine Vögel dicht unter der Traufe ein- und ausfliegen, sind es oft Mehlschwalben. Sie leben seit Jahrhunderten mit uns Tür an Tür.

Und genau dort geraten sie unter Druck, gleich doppelt. Bei Sanierungen verschwinden die Nester – mal ungewollt, mal absichtlich, weil der Kot an der Wand stört. Gleichzeitig fehlt der Mehlschwalbe die Nahrung, denn sie jagt Insekten, und die werden weniger. Der NABU führt sie deshalb als gefährdet.

Das Schöne daran: Kaum ein anderer Kandidat lässt sich so direkt vor der eigenen Tür unterstützen. Ein kleines Kunstnest unter dem Dachüberstand, ein geduldetes Naturnest, ein Kotbrett darunter statt der Kehrschaufel. Und weil die Schwalben für ihre Lehmnester feuchte Erde brauchen, hilft in trockenen Sommern schon eine flache Pfütze oder eine offene, matschige Bodenstelle im Garten. Ihr Slogan passt: „Auf gute Nachbarschaft!“

Mehlschwalbe (Delichon urbicum) im Flug
Die Mehlschwalbe baut ihre Lehmnester unter Dachvorsprüngen – ihr fehlen Nistplätze und Insekten. Foto: Dr. Christoph Moning / NABU

Trauerschnäpper: Wenn der Vogelkalender nicht mehr zum Frühling passt

Der Name führt in die Irre. Der Trauerschnäpper ist ein quicker kleiner Insektenjäger, der sein Futter im Flug fängt und dabei alles andere als trübsinnig wirkt. Bemerkenswert ist eher seine Reise: Er überwintert südlich der Sahara und kehrt jedes Frühjahr nach Europa zurück, um hier in Baumhöhlen zu brüten.

Diese Reise ist zu seinem eigentlichen Risiko geworden. Der Frühling in Europa beginnt durch die Klimaerwärmung immer früher, die Insekten schlüpfen entsprechend eher – der Trauerschnäpper aber richtet seinen Aufbruch aus Afrika nach der Tageslänge, und die verschiebt sich nicht. Wenn er ankommt, ist der Höhepunkt des Nahrungsangebots teilweise schon vorbei, und die besten Bruthöhlen sind besetzt. Fachleute nennen das eine ökologische Zeitverschiebung: Zwei Dinge, die früher zusammenpassten, geraten aus dem Takt. Man kann sich das vorstellen wie einen Zug, dessen Fahrplan sich ändert, während der Fahrgast noch mit dem alten unterwegs ist. In Deutschland gilt der Trauerschnäpper als gefährdet. Sein Slogan: „Mach Tempo fürs Klima!“

Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca)
Der Trauerschnäpper überwintert südlich der Sahara und kehrt im Frühjahr zurück. Foto: BIA/Walter Soestbergen / NABU

Wasseramsel: Der Singvogel, der lieber taucht

Und dann ist da noch der Kandidat, der so gar nicht ins Bild eines Singvogels passt. Die Wasseramsel – rund, braun, mit weißem Brustlatz – steht auf einem Stein mitten im Bach, knickst, und taucht plötzlich ab. Unter Wasser läuft sie regelrecht über den Grund, gegen die Strömung, und sucht zwischen den Kieseln nach Insektenlarven. Kein anderer heimischer Singvogel macht das.

So spektakulär die Lebensweise, so klar die Bedingung: Die Wasseramsel braucht saubere, schnell fließende, strukturreiche Bäche mit steinigem Grund. Begradigte, verschmutzte oder im Sommer austrocknende Gewässer meidet sie. Noch gilt ihr Bestand als ungefährdet – und genau das macht sie zum stillen Frühwarnsystem. Solange die Wasseramsel taucht, ist mit dem Bach etwas in Ordnung. Ihr Slogan bringt es auf den Punkt: „Klarer Bach, klarer Fall!“

Wasseramsel (Cinclus cinclus)
Die Wasseramsel jagt tauchend in klaren, schnell fließenden Bächen. Foto: Frank Derer / NABU

Eigentlich wählen wir fünf verschiedene Lebensräume

Wer die fünf Porträts nebeneinanderlegt, merkt schnell: Es geht hier nicht wirklich um Federfarben oder Sympathiewerte. Jeder Kandidat ist eine Art Botschafter für ein ganz eigenes Naturschutzproblem – und das ist der eigentliche Kern dieser Wahl.

  • Kolkrabe steht für den Umgang mit einst verfolgten Arten und für den Abbau alter Vorurteile.
  • Kranich steht für Moore und Feuchtgebiete – und damit direkt für den Klimaschutz.
  • Mehlschwalbe steht für Gebäudebrüter, Insektenvielfalt und naturnahe Siedlungen.
  • Trauerschnäpper steht für die Folgen der Klimakrise, alte Wälder und aus dem Takt geratene Naturkalender.
  • Wasseramsel steht für saubere, lebendige Bäche und Flüsse.

Das ist eine erstaunliche Bandbreite für fünf Vögel. Der Kolkrabe und die Wasseramsel bleiben ganzjährig bei uns, der Kranich zieht nur eine kurze Strecke Richtung Süden, Trauerschnäpper und Mehlschwalbe verbringen den Winter in Afrika. Feld, Moor, Hauswand, Wald, Bach: Zusammen decken die fünf ein halbes Land an Lebensräumen ab. Man stimmt also nicht für ein hübsches Tier, sondern dafür, welche dieser Landschaften als Nächstes ins Rampenlicht rückt.

Welchen Kandidaten sollte man wählen?

Eine Empfehlung gibt es an dieser Stelle bewusst nicht – und das ist keine Ausrede. Wenn hinter jedem Vogel ein echtes, ungelöstes Problem steht, gibt es keine falsche Stimme.

Die ehrlichere Frage ist eine andere: Welches Thema liegt dir am nächsten? Wer im Garten schon Schwalben unter dem Dach hatte, wird die Mehlschwalbe anders sehen als jemand, der jeden Herbst den Kranichen nachschaut. Wer an einem Bach aufgewachsen ist, denkt bei der Wasseramsel sofort an ein bestimmtes Stück Wasser. Und wer sich am alten Rabenpech stört, wählt vielleicht den Kolkrabe, gerade weil er unterschätzt wird. Die Wahl sagt am Ende weniger über den Vogel aus als über das, was du schützen möchtest.

Warum der Vogel des Jahres mehr ist als ein Titel

Den Titel gibt es seit 1971, damals machte der Wanderfalke den Anfang – ein Vogel, der kurz darauf tatsächlich fast aus Deutschland verschwand und dessen Rückkehr heute als Musterbeispiel für gelungenen Artenschutz gilt. Seither ist der Jahresvogel ein wiederkehrender Anlass, einmal im Jahr genauer hinzusehen.

Der Titel selbst ändert nichts. Kein Moor wird nasser, weil ein Kranich gewinnt. Was die Aktion leistet, ist etwas anderes: Sie macht aus einem abstrakten Problem ein Gesicht. Über Insektenschwund liest man schnell hinweg; eine Schwalbe, deren Nest bei der Fassadensanierung fällt, bleibt hängen. Diese Rolle als Botschafterart ist der eigentliche Wert der Wahl – sie lenkt Aufmerksamkeit auf einen konkreten Punkt und hält ihn ein Jahr lang im Gespräch.

Häufige Fragen zum Vogel des Jahres 2027

Welche Vögel stehen zur Wahl?

Zur Wahl stehen Kolkrabe, Kranich, Mehlschwalbe, Trauerschnäpper und Wasseramsel.

Bis wann kann abgestimmt werden?

Die Abstimmung läuft bis zum 15. Oktober 2026, 11 Uhr.

Wo kann man abstimmen?

Online auf der offiziellen Seite vogeldesjahres.de.

Wie oft darf man abstimmen?

Jede Person hat eine Stimme. Sie wird über einen Bestätigungslink per E-Mail verifiziert.

Wann wird der Gewinner bekanntgegeben?

Noch am 15. Oktober 2026, dem letzten Wahltag.

Wer ist Vogel des Jahres 2026?

Das Rebhuhn. Der Gewinner der aktuellen Wahl übernimmt den Titel ab Januar 2027.

Seit wann gibt es die Aktion?

Den Titel „Vogel des Jahres“ vergeben NABU und LBV in Deutschland seit 1971. Seit 2021 entscheidet eine öffentliche Wahl.

Wer bestimmt die Kandidaten?

Fachleute von NABU und LBV wählen die fünf Kandidaten vorab nach Naturschutzkriterien aus. Über den Sieger entscheidet dann die Öffentlichkeit.

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Fazit

Fünf Vögel, fünf Lebensräume, eine Stimme. Egal, wer am Ende gewinnt – spannend ist vor allem, was danach passiert. Wer sich einmal mit dem Trauerschnäpper oder der Wasseramsel beschäftigt hat, sieht beim nächsten Spaziergang genauer hin. Und manchmal fängt Naturschutz genau da an: beim Hinschauen.

Wenn du dabei Lust bekommen hast, genauer hinzusehen, hilft schon wenig Ausrüstung: ein gutes Fernglas, ein passendes Vogelbestimmungsbuch – oder unser Einstieg in die Vogelbeobachtung, wenn du ganz vorne anfangen willst.

Quellen

  • NABU / LBV: „Wer wird Vogel des Jahres 2027“, offizielle Wahlseite und Kandidatenübersicht, 2026 – vogeldesjahres.de und nabu.de
  • NABU: Vogelporträts zu Kolkrabe, Kranich, Mehlschwalbe, Trauerschnäpper und Wasseramsel, 2026

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