gemeinwohloekonomie ueberblick
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Gemeinwohlökonomie – Was ist das überhaupt?

Die Gemeinwohlökonomie ist eine soziale Bewegung, die sich auf gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ebene für ein sozial-ökologisch nachhaltiges und demokratisches Wirtschaftssystem einsetzt und dabei einen ganzheitlichen und werteorientierten Ansatz verfolgt. Aus Sicht der Gemeinwohlökonomie sollte sich wirtschaftlicher Erfolg nicht im reinen Finanzergebnis oder der Bilanzsumme, sondern am Beitrag einer Organisation zum Gemeinwohl bemessen. Im Fokus stehen damit Wirtschaftsweisen, die Menschen und Natur, nicht Wachstum und Profit in den Mittelpunkt rücken. Dabei beruft sich die Gemeinwohlökonomie auch auf die verfassungsrechtliche Verankerung des Gemeinwohls als oberstes Ziel des Wirtschaftens.

Welche zwanzig Grundbausteine der Wirtschaftsordnung unterscheidet die Gemeinwohl-Matrix?

  • Menschenwürde in der Zulieferkette
  • Solidarität und Gerechtigkeit in der Zulieferkette
  • Ökologische Nachhaltigkeit der Zulieferkette
  • Transparenz und Mitentscheidung in der Zulieferkette
  • Ethische Haltung im Umgang mit Geldmitteln
  • Soziale Haltung im Umgang mit Geldmitteln
  • Sozial-ökologische Investitionen und Mittelverwendung
  • Eigentum und Mitentscheidung
  • Menschenwürde am Arbeitsplatz
  • Ausgestaltung der Arbeitsverträge
  • Förderung des ökologischen Verhaltens der Mitarbeitenden
  • Innerbetriebliche Mitentscheidung und Transparenz
  • Ethische Kundenbeziehungen
  • Kooperation und Solidarität mit Mitunternehmen
  • Ökologische Auswirkung durch Nutzung und Entsorgung von Produkten und
    Dienstleistungen
  • Kundenmitwirkung und Produkttransparenz
  • Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte und Dienstleistungen
  • Beitrag zum Gemeinwesen
  • Reduktion ökologischer Auswirkungen
  • Transparenz und gesellschaftliche Mitentscheidung.

Worauf beruht die Gemeinwohlökonomie?

Die Gemeinwohlökonomie geht auf die gleichen Verfassungs- und Grundwerte zurück, die Verhältnisse zum Erfolg führen: Vertrauensbildung, Zuneigung, Zusammenarbeit, Verbundenheit und Teilen. Nach gegenwärtigen wissenschaftlichen Meinungen sind funktionierende Verhältnisse das, was Menschen am meisten anregt und am zufriedensten macht.

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Wie wird der rechtliche Rahmen verändert?

Der rechtliche Antriebsrahmen für die Wirtschaft wird transformiert von Gewinnstreben und Wettbewerb auf Gemeinwohlstreben und Zusammenarbeit. Betriebe werden für gegenseitige Unterstützung und Kooperation belohnt. Wettbewerb ist denkbar, führt allerdings zu Nachteilen.

Wie wird wirtschaftlicher Erfolg in der Gemeinwohlökonomie gemessen?

Wirtschaftlicher Erfolg wird nicht mehr durch Wirtschaftsmittel betrachtet, sondern an den Zielsetzungen. Auf der Makroebene ersetzt das Gemeinwohlprodukt das Bruttoinlandsprodukt als Erfolgsmaßstab; auf der Unternehmensebene löst die Gemeinwohlbilanz die Finanzbilanz ab; auf der Investitionsebene tritt anstelle der Finanzrendite eine Gemeinwohlprüfung aller Kreditinteressenten. Die Hauptbilanz der Betriebe wird die Gemeinwohlbilanz. Je positiver die Gemeinwohlbilanzergebnisse der Unternehmen sind, desto höher ist das Gemeinwohlprodukt. Weisen Unternehmen gute Gemeinwohlbilanzen aus, werden ihnen rechtliche Vorteile gewährt: geringere Steuern, niedrigere Zollsätze, vorteilhaftere Kreditkonditionen, Vorzüge bei der öffentlichen Beschaffung sowie bei Forschungsprogrammen.

Die Finanzbilanz wird zur Mittelbilanz transformiert. Der Finanzgewinn verliert seine Zweckbindung und dient als Mittel, um den neuen Unternehmenszweck zu erfüllen. Bilanzielle Überschüsse nutzt die Gemeinwohlökonomie nach Felber für: konkrete Investitionen mit die Gesellschaft betreffenden und alternativen Wertzuwachs, Ablösung von Krediten, Rücklagen in einer beschränkten Menge; beschränkte Dividendenausschüttungen an die Beschäftigten sowie für zinslose Kredite an Mitunternehmen. Überschüsse dürfen nicht dienen für: Investitionen auf den Finanzmärkten, feindliche Übernahmen anderer Betriebe, Dividendenausschüttungen an Personen, die keine Mitarbeiter der Betriebe sind sowie Parteispenden. Unternehmensgewinne bleiben im Gegenzug unversteuert.

Unternehmen können ihre optimale Betriebsgröße erreichen, weil der Gewinn lediglich ein Instrument, aber kein Ziel mehr beinhaltet. Unternehmen müssen keine Übernahmen mehr fürchten und müssen sich nicht mehr ausdehnen, um größer oder profitabler als die Konkurrenz zu sein. Sämtliche Betriebe unterliegen weder einem Wachstumszwang noch Übernahmerisiko. Deshalb wird es in allen Branchen viele kleine Unternehmen geben.
Da sie keinem Wachstumszwang mehr unterliegen, fällt ihnen die Zusammenarbeit und Verbundenheit mit andere Betrieben leichter. Sie können sie mit Wissen, Aufträgen, Arbeitnehmern oder zinslosen Krediten unterstützen. Im Gegenzug erhalten sie ein gutes Gemeinwohlbilanzergebnis nicht auf Kosten anderer Betriebe, sondern zu deren Vorteil. Die Betriebe bilden vermehrt eine solidarische Lerngemeinschaft und die Wirtschaft profitiert durch eine Win-win-Situation.

Wie wird eine gerechtere Einkommens- und Vermögensverteilung erreicht?

Die Ungleichheiten in der Einkommens- und Vermögensverteilung werden in einem demokratischen Diskurs behoben: die Maximaleinkommen, das Privatvermögen, das Schenkungs- und Erbrecht werden auf bestimmte Höchstbeträge begrenzt. Das übersteigende Erbvermögen wird über einen speziellen Generationenfonds als „Demokratische Mitgift“ oder „negative Erbschaftssteuer“ an alle Angehörigen der nachfolgenden Generation ausgeschüttet: identisches „Startkapital“ stellt mehr Chancengleichheit dar. Der genaue Rahmen soll von einem Wirtschaftskonvent demokratisch festgesetzt werden.

Bei Großunternehmen werden Stimmrechte teilweise und Eigentum schrittweise an die Arbeitnehmer und die Allgemeinheit übertragen. Die Bevölkerung könnte durch unmittelbar gewählte „regionale Wirtschaftsparlamente“ repräsentiert werden. Die Regierung soll in öffentlichen Unternehmen nicht mitbestimmen können. Das gilt auch für die Gemeinschaftsbetriebe der Demokratischen Allmenden, die die Daseinsvorsorge wahrnehmen.

Wie ist die Geld- und Währungspolitik konzipiert?

Die Demokratische Bank, die dem Gemeinwohl dient, stellt eine wichtige Demokratische Allmende dar und wird vom demokratischen Souverän kontrolliert. Die Kernleistungen des Bankinstituts sind sichere Vollgeldkonten, Zahlungstransaktionen, ethische Sparbriefe und Kredite sowie die Partizipation an regionalen Börsen des Gemeinwohls. Die Schuldenfinanzierung des Staates erfolgt primär über zinslose Zentralbankkredite. Die Zentralbank hat das Geldschöpfungsmonopol („souveränes Geld“) inne und ist für den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr verantwortlich, um Steuerflucht zu vermeiden.
Eine mit einer weltweiten Verechnungseinheit („Globo“, „Terra“) ausgestattete globale Währungskooperation ist für den internationalen Wirtschaftsaustausch zuständig. Auf örtlicher Ebene kann die Nationalwährung durch Regiogelder ergänzt werden. Zum Schutz vor unfairem Handel richtet die EU eine faire Handelszone („Gemeinwohlzone“) ein, in der gleiche Reglements Gültigkeit haben oder die Höhe des Zolls sich nach der Gemeinwohlbilanz des Herstellerunternehmens richtet. Langfristig ist eine globale Gemeinwohlzone als UN-Abkommen geplant.

Welchen Stellenwert hat die Natur?

Die Natur kann nicht privatisiert werden, weil ihr ein Eigenwert zuerkannt wird. Wer Grund und Boden für Wohnzwecke, Produktionszwecke oder für land- und forstwirtschaftliche Zwecke benötigt, kann ein limitiertes Areal kostenlos oder gegen ein Nutzungsentgelt bewirtschaften. Die Hingabe ist an ökologische Bedingungen und an die tatsächliche Verwendung gebunden. Damit gehören Landraub, Großgrundbesitz und Immobilienspekulation der Vergangenheit an. Im Gegenzug wird keine Grundvermögenssteuer erhoben.

Was ersetzt die Wachstumszielsetzung?

Wirtschaftswachstum ist keine Zielsetzung mehr, allerdings die Verminderung des ökologischen Verbrauchs von Personen, Betrieben und Staaten auf ein weltweit nachhaltiges Ausmaß. Die Menschenrechte werden durch ökologische Grundrechte ergänzt: die jährlichen Bioressourcen werden an alle Menschen der Erde als ökologisches Nutzungsrecht verteilt und jährlich dem Öko-Konto gutgeschrieben.

Welchen Umfang hat die Arbeitszeit?

Die Regelerwerbsarbeitszeit wird allmählich auf ein größtenteils gewünschtes Maß vermindert. Dadurch wird Zeit gewonnen für Fürsorgearbeit, Eigenarbeit sowie politische und Gemeinwesenarbeit. Durch diese ausgewogene Zeiteinteilung wird der Lebensstil konsumärmer, ausreichender und nachhaltiger. Ein bedingungsloses Grundeinkommen finanziert jedes zehnte Berufsjahr als ein Freijahr, das die Menschen individuell nutzen können.

Wie wird die Demokratie in der Gemeinwohlökonomie weiterentwickelt?

Die repräsentative Demokratie wird zu einer souveränen Demokratie weiterentwickelt. Der Souverän erhält Souveränsrechte. Diese Rechte ermächtigen den Souverän die Verfassung zu schreiben und zu ändern, eine bestimmte Regierung zu wählen, abzuwählen und zu korrigieren, Gesetze zu initiieren und zu beschließen, Grundversorgungsbereiche zu prüfen, weltweite Verträge in Auftrag zu geben und abzustimmen.

Welche Inhalte hat das reformiertes Bildungswesen?

Um mit den Werten der Gemeinwohlökonomie nach Felber vertraut zu werden und diese Werte auch umsetzen zu können, ist auch der Bildungsbereich gemeinwohlorientiert zu gestalten. Das erfordert eine neue Schulform und andere Lehrinhalte, beispielsweise Gefühlskunde, Wertekunde, Kommunikationskunde, Demokratiekunde, Naturerfahrungskunde, Körpersensibilisierung und Kunsthandwerk.

Welche Führungsqualitäten sind in der Gemeinwohlökonomie von Christian Felber gefragt?

In der Gemeinwohlökonomie werden auch andere Führungsqualitäten gefragt sein. Die rücksichtslosesten, egoistischsten und „zahlenrationalsten“ Manager werden nicht mehr gesucht werden, sondern Bürger, die soziale Verantwortung tragen und kompetent sind, Mitgefühl und Empathie zeigen, Mitbestimmung als Möglichkeit und Gewinn betrachten und nachhaltig auf lange Zeit denken. Sie werden die neuen Mentoren sein.

Wie wird wirtschaftlicher Erfolg neu gemessen?

– Volkswirtschaftslehre (Makroebene): Bruttoinlandsprodukt versus Gemeinwohlprodukt,
– Betriebswirtschaftslehre (Mesoebene): Finanzgewinn versus Gemeinwohlbilanz,
– Investition (Mikroebene): Finanzrendite versus Gemeinwohlprüfung.

Fazit

Die Gemeinwohlökonomie stellt weder das beste aller Wirtschaftsmodelle dar noch das Geschichtsende – sie ist lediglich ein nächster denkbarer Schritt in die Zukunft. Durch das gemeinsame Engagement vieler Bürger kann etwas grundlegend Neues kreiert werden. Für die Umsetzung sind jedoch intrinsische Motivation und Eigenverantwortung, rechtliche Anreize, ein ordnungspolitischer Rahmen sowie Souveränsbewusstsein unabdingbar.

Weiterführende Links & Quellen

https://www.youtube.com/watch?v=PBxKPAu8lvA
https://christian-felber.at/artikel/pdf/BuG_175_1-2016.pdf
https://web.ecogood.org/de/
https://christian-felber.at/buecher/die-gemeinwohl-oekonomie/

Photo by Markus Spiske on Unsplash

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